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Schreibwettbewerb >> 2007

Schreibwettbewerb für junge Menschen 2007

Worte zur Veranstaltung von Dekan  Thomas Steiger
       
Erstarren in Angst vor der Zukunft oder
Glaube an die Veränderbarkeit des Menschen?

Liebe junge Autorinnen und Autoren,
liebe Damen und Herren der Jury,
liebes Ehepaar Beilschmidt,
verehrter Herr Oberbürgermeister Palmer,
sehr geehrte Damen und Herren!

Das Thema des Schreibwettbewerbs in diesem Jahr gaukelt uns eine Alternative vor: als ob wir uns entscheiden könnten zwischen Pessimismus und Vertrauen, Zweifel und Glauben. Können wir das wirklich? Und wenn wir es versuchten, wäre das klug?

Als Pfarrer will ich natürlich lieber eine eindeutige, möglichst klare Antwort geben: Ja, ich glaube an die Veränderbarkeit des Menschen; nicht aus religiösem Zweckoptimismus, sondern aus den Erfahrungen heraus, die mein Bild vom Menschen geprägt haben in den 43 Jahren, die mein Leben nun wärt. Und dann müßte ich weiter in mich dringen und mir Rechenschaft ablegen, ob denn mein Glaube an Gott überhaupt denkbar ist ohne einen Glauben an das Gute im Menschen. Sehr frei jedenfalls scheine ich nicht zu sein, wenn es darum geht, mich für eine der beiden Wege zu entscheiden, zu deren Auslotung unser Wettbewerb anspornt.

Nun, ich bin gespannt, welche Einblicke in ihre Denk- und Erfahrungswelt uns die Preisträger des Abends eröffnen, und wie sie sich um die Alternative drücken. Ob sie vielleicht die Kraft der poetischen Sprache nützen, um ihre Leser/Hörer der Faktizität der Entscheidung vorzuenthalten? Oder ob sie diese gar konterkarieren durch übertriebene Eindeutigkeit: Big Brother im Bundestag vom 9.11.2007 gegen Das Lebensopfer der finnischen Schulleiterin?! So aktuell beantwortet die jüngste Vergangenheit die Frage, die über den Texten dieses Abends steht.

Meine Damen und Herren! Recht betrachtet halten kluge Alternativen unser Denken lebendig. Wir brauchen uns nicht zu entscheiden, weil die Grundfragen der menschlichen Existenz Teil unseres eigenen biographischen Prozesses sind. Positionieren müssen wir uns hin und wieder, das stimmt, wenn man uns fragt nach dem Grund unserer Hoffnung oder der Quelle unserer Skepsis. Und im Laufe des Lebens reift unser Standpunkt, wenn wir die Spannung aushalten.

Daß die Beiträge des Wettbewerbs und vor allem die prämierten, die wir im Verlauf des Abends hören werden, dazu neue Akzente setzen werden – nachdenklich, humorvoll, provokativ – wie in den vergangenen Jahren, daran besteht für mich kein Zweifel. Ich finde die Idee des Ehepaars Beilschmidt ausgezeichnet, gerade junge Menschen auf die Suche zu schicken, ihren Standpunkt zu finden - und uns dabei mit zu nehmen. Vermittels der Literatur geht das viel schöner und charmanter als durch einen theologischen oder wissenschaftlichen Diskurs.

Zukunftsangst – der sich bessernde Mensch? Ich lade Sie ein zu Hellhörigkeit für das gesprochene Wort und für ihre eigene innere Stimme.

Thomas Steiger
Dekan